Reinhard Jäkel

Das Haus der Bildung und Kultur, kurz HBK, trägt diesen Namen erst seit einigen Jahren. Bis 2008 zogen nach und nach die auf mehrere Standorte verteilten städtischen Einrichtungen für Bildung, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in das Gebäude an der Ziegeleistraße 14. Diese neue konzentrierte Nutzung sollte mit einer „griffigen“ Bezeichnung zum Ausdruck gebracht werden. Ein längerer Diskussionsprozess um den adäquaten Namen setzte ein. Die seit 2014 an Ziegelei- und Hagelstraße neu aufgestellten farbigen Pylone verwendeten die Bezeichnung „Haus der Bildung und Kultur“. Diese fand allgemeine Zustimmung und wurde schließlich auch offiziell übernommen. Allerdings sollte zugleich der historischen Bedeutung des Hauses Rechnung getragen werden, spiegelt es doch mit seiner wechselnden Nutzung wichtige Aspekte der Geschichte Waltrops. In der Bezeichnung „Altes Amtshaus“ kommt das beispielhaft zum Ausdruck.

Allerdings war das Haus 1907 errichtet worden, um die „Rektoratschule Waltrop“ aufzunehmen. 1860 vom „Rektoratschulverein“ als Privatschule gegründet, wurde diese zum 5. April 1907 von der Gemeinde Waltrop übernommen und damit öffentlich. Allgemein gesagt handelte es sich bei der „Rektoratschule“ im Kern um eine mittlere Schulform, die auf den Besuch einer „höheren Schule“ vorbereitete. Rektoratschulen konnten auch zu Realschulen oder Gymnasien ausgebaut werden, wie es etwa in Datteln der Fall war. Dabei spielte es nicht zuletzt eine Rolle, dass 1934 die Waltroper Rektoratschule geschlossen und ihre Schüler der Dattelner Rektoratschule zugewiesen worden waren. Um Bildung und Kultur ging es in dem Gebäude also von Beginn an. In einem handschriftlichen Bericht (Bl. 15) anlässlich der Schließung 1934 heißt es ausdrücklich, man wolle mit dem Bericht „Zeugnis ablegen, daß Waltrop einmal eine blühende Kulturstätte hatte“.

Die heute angestrebte Nutzung als „Dritter Ort“ lebt nicht zuletzt von Vielfalt und Toleranz, wie sie an diesem Ort zu finden war. Ein offener, liberaler Geist prägte die Ausstrahlung des Gebäudes seit der ersten Nutzung. Ehemalige Schüler lobten und betonten diesen Umstand, ja mutmaßten, gerade das habe 1934 zur Schließung der Schule erheblich beigetragen. Der spätere Schauspieler und Intendant Heinz Rippert schrieb 1977 in seinen „Erinnerungen aus dem alten Waltrop“ (S. 23 f):

„Überhaupt waren die Lehrkräfte an der Rektoratschule, wie ich aus späteren Vergleichsmöglichkeiten beurteilen kann, überdurchschnittlich gute Lehrer. … An der Rektoratschule beeindruckte mich früh die paritätische Behandlung der Religionen, obschon es doch eine katholische Schule unter geistlicher Leitung war. Die Schranken zwischen katholischen und evangelischen Nachbarn waren damals noch durchaus vorhanden. Es gab z. B. Leute in Waltrop, die unsere Familie mieden, weil wir, obschon streng katholisch, freundschaftlich mit unseren Hausgenossen, der evangelischen Bahnbeamtenfamilie Büscher, verkehrten.

Auch betrachteten wir katholischen Schüler den protestantischen Pfarrer Trippe, wenn er zum Religionsunterricht in die Rektoratschule kam, mit fremdem Staunen und hätten nie gewagt, mit ihm zu sprechen. Aber ich sehe noch Rektor Bauer in herzlichem Gespräch mit ihm unter den jungen Bäumen des Schulhofs promenieren, wenn wir in der grossen Pause durch den Zaun krochen, um uns im Backhaus von Schmedinghoff die herrlich krachigen frischen Brötchen zu holen, was natürlich verboten war.“

An anderer Stelle schreibt Rippert im Hinblick auf die Schulschließung (S. 26):

„Der junge geistliche Rektor Scheuten, der nach Rektor Bauers plötzlichem Tod die Schule leitete, hatte sich der Entfernung der wenigen jüdischen Schüler widersetzt.“

Die offene Grundhaltung der Rektoratschule bestätigte auch Helmut Baum. Dem 1913 geborenen Sproß der jüdischen Familie von Martha und Jakob Baum war 1937 die Ausreise aus Deutschland und die Flucht ins Exil nach Schweden gelungen. Anfang der 1990er Jahre erzählte Helmut Baum bei mehreren Besuchen in Waltrop unter anderem, mit welchem Vergnügen sein Vater, der Jude Jakob Baum mit dem geistlichen Rektor der katholischen Rektoratschule auf offener Straße hebräisch zu parlieren verstand, und das Vergnügen war gegenseitig.

Nach Schließung der Rektoratschule wurde das Haus umgebaut und diente von 1935 bis 1956 als „Amtshaus“, war also das Rathaus für Waltrop. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bildete Waltrop mit Henrichenburg und Horneburg das „Amt Waltrop“. Erst zum 31.12.1974  wurde der Amtsverband aufgelöst, Waltrop blieb selbständig, Horneburg kam zu Datteln, Henrichenburg zu Castrop-Rauxel. Bis zur Fertigstellung des heutigen Rathauses 1956 blieb die ehemalige Rektoratschule Sitz der Amtsverwaltung.

Entscheidende Jahre der Waltroper Geschichte sind mit diesem Haus verknüpft, das in der Bevölkerung auch nach Bau des Rathauses lange noch als das alte Amtshaus bezeichnet wurde. Es war Ort und Zeuge der Stadtwerdung. Hier wurden die Pläne geboren und ausgearbeitet, die Anträge verfaßt, die 1938/39 zum Erfolg führten und mit Wirkung vom 30. Januar 1939 Waltrop den ersehnten Titel „Stadt“ einbrachten. Hier wurde die schwierige (Wieder-)Aufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg politisch und verwaltungstechnisch bewältigt und der Übergang zur „städtischen Normalität“ eingeleitet, welche dann im Bau eines ganz neuen eigenständigen Rathauses ihren Ausdruck fand. Das „Alte Amtshaus Waltrop“ ist Symbol für eine vielschichtige Entwicklung, ohne die die heutige Stadt Waltrop so nicht denkbar wäre. Amts- und Rathäuser sind zentrale Anlaufstellen für die Gestaltung bürgerschaftlichen Zusammenlebens. Gibt es ein besseres Vorzeichen für ein „Haus der Bildung, Begegnung und Kultur“?

Was kam dann? Wieder war es eine schulische Nutzung. Waltrop hatte eine eigene Berufsschule. Von 1957 bis zu ihrer Auflösung zum 1.12.1966 war diese an der Ziegeleistraße untergebracht, abgelöst von der 1963 gegründeten Schule für Lernbehinderte, seit 1968 unter dem Namen „Paul-Dohrmann-Schule“. Sie blieb bis 1978 an diesem Standort.

Seit 1978 wird das Haus von der Volkshochschule genutzt, zunächst bis 1981 als Zweckverband „VHS Ostvest“ mit Datteln, Oer-Erkenschwick und Waltrop, seit dem 1. Januar 1982 als eigenständige „VHS Waltrop“. Hinzu kam die wenige Jahre zuvor (1973) gegründete städtische Musikschule. Die Musikschule fand ja dann im bzw. neben dem „Kulturforum Kapelle“ ihr neues Domizil. Wie eingangs schon beschrieben, war 2008 der heutige Zustand erreicht.

Der jetzt geplante neue „Dritte Ort“ an dieser Stelle trifft auf ein Haus mit einer vom reichhaltigen Erbe einer wechselvollen Geschichte geprägten Ausstrahlung.