Zur Geschichte der
Stadtbücherei Waltrop

Reinhard Jäkel

Bei der Entstehung der Stadtbücherei Waltrop kamen recht unterschiedliche Faktoren zusammen, so die Tradition der Arbeiterbewegung ebenso wie Überlegungen zur „Volksbildung“ oder NS-ideologische Intentionen. Ein Aspekt sei hier hervorgehoben.

 Mit der Verleihungsurkunde vom 30. Januar 1939 erhielt die alte Bauern- und seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch Zechen-Gemeinde Waltrop das Recht, die Bezeichnung „Stadt“ zu führen. Damit wurde dem Ort neben einer gewissen Bevölkerungsgröße auch attestiert, unter anderem durch „ ihre kulturellen und sozialen Einrichtungen städtisches Gepräge“ zu besitzen (Text der Urkunde). Die nach der Deutschen Gemeindeordnung geforderten und eigentlich vorausgesetzten spezifisch städtischen Merkmale mussten in Waltrop zum Teil allerdings erst noch geschaffen werden, so insbesondere im Bildungs- und Kulturbereich. Die Eröffnung einer eigenständigen Stadtbücherei in kommunaler Trägerschaft im Oktober 1942 war ein wesentlicher Baustein, der mit der Verleihung des Stadttitels übernommenen Verpflichtung gerecht zu werden.

 Zeitgenössische Äußerungen betonten dann auch genau diesen Aspekt. So heißt es in örtlichen Verlautbarungen anlässlich der Eröffnung der Stadtbücherei im Oktober 1942:

 „Mit der Einrichtung der Stadtbücherei, die im nächsten Monat im Hause Steinhoff, Dortmunder Straße 13, … eröffnet werden wird, schafft die Stadt eine kulturelle und volksbildende Einrichtung von hohem, dauerndem Werte.“

 

Und an anderer Stelle:

 „Weiter konnte Bürgermeister Lassoff vor den Amtsältesten und Ratsherren die ‚Stadtbücherei Waltrop‘ eröffnen. Hiermit ist einem dringenden kulturellen Bedürfnisse der Stadt abgeholfen. Die Bücherei verfügt über einen guten Anfangsgrundbestand, der laufend ergänzt wird.“

De facto ist die gesamte Geschichte Waltrops als Stadt von der Existenz der Stadtbücherei begleitet gewesen – jedenfalls bis zu ihrer Schließung Ende 2012.

Der Standort dieser ersten kommunalen Kultureinrichtung der jungen Stadt war inmitten der heutigen Fußgängerzone als Mieter im Erdgeschoss des Hauses Steinhoff an der Dortmunder Straße 13, wo zuvor ein Hutgeschäft und ein Blumengeschäft untergebracht waren. An einem „Schalter“ wurden die separat im Magazinraum aufbewahrten Bücher ausgegeben und konnten entweder ausgeliehen oder direkt in dem, allerdings recht kleinen, „Leserraum“ gelesen werden. Trotz Kriegs- und Notjahren wurde dabei der „Aufenthaltsqualität“ durchaus Beachtung geschenkt und zum Beispiel versucht, mit einem Teppich aus gedrehtem Papier und Vorhängen aus alten Schulgardinen eine gemütliche Atmosphäre herzustellen.

Ein eigenes Gebäude, sogar einen Neubau, erhielt die Stadtbücherei 1958/59, mit ebenerdigem Zugang als Teil der Randbebauung am Marktplatz, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls neu eingerichtet worden war. Und was zu dieser Zeit in deutschen Bibliotheken noch keineswegs selbstverständlich war, verwirklichte man hier mit der „Freihandaufstellung“, die jedem Nutzer die Bestände frei zugänglich zur Verfügung stellte. Der Bürger wurde auch als Leser mündig!

Das Prinzip, wonach Buch und Leser zusammengehören bestimmte natürlich auch drei Jahrzehnte später die  Präsentationsform der Medien, als an gleicher Stelle mit der „Nordbebauung“ ein größerer Baukomplex errichtet wurde, in dem die Stadtbücherei seit der Eröffnung 1989 in der ersten Etage über eine Fläche von insgesamt 500 qm verfügte.

 Auf Veränderungen in der Kultur-, Bildungs- und Medienlandschaft hat die Stadtbücherei im Laufe ihrer Geschichte immer wieder neu reagiert, was an dieser Stelle nicht näher beleuchtet werden soll. Generell jedenfalls handelt(e) es sich bei der Stadtbücherei um eine öffentliche Einrichtung der Stadt Waltrop, die grundsätzlich von allen Einwohnerinnen und Einwohnern genutzt werden konnte. Von Anfang an war die Waltroper Stadtbücherei in der Alltagsrealität ein Ort sozialer und kultureller Begegnung. Wie die erste Leiterin anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens 1992 humorvoll berichtete, war sie stets auch Treffpunkt, an dem durchaus so manche Ehe geschmiedet worden ist.

 Nicht zuletzt spiegelt dies die Vielzahl von Aktivitäten, die in den Räumen der Bücherei stattfinden konnten, wie Klassenführungen, die „Schnuppernasenwoche“ für Entlasskinder aller Waltroper Kindergärten, die Kinderbuchwoche, kleinere Ausstellungen und Veranstaltungen unterschiedlichster Art. Ein Satz findet sich spätestens seit den 1990er Jahren in Selbstdarstellungen, Flugblättern etc. der Waltroper Stadtbücherei immer wieder: „Der offene lichtdurchflutete Raumkomplex lädt ein zum Schmökern und Stöbern, zum ruhigen Lesestündchen und ist auch als Treffpunkt geradezu ideal“, ist „offen für alle“ (Reinhard Jäkel).

 In einem Papier mit „perspektivischen Überlegungen“ zur  weiteren Entwicklung der Stadtbücherei heißt es unter anderem (2006):

 „Das Beste zuerst. Eine Bibliothek ist ein „realer Ort“, ein wirklicher Ort, unkompliziert und schnell zu nutzende Anlaufstelle und Begegnungsstätte für Kultur, Bildung und Information. Kurzum: Gerade im Zeitalter des Internet, wo man sich leicht in künstlichen „virtuellen Welten“ verlieren kann, sorgt die Bibliothek für die notwendige „Bodenhaftung“. Zudem wirkt sie mit ihrem Angebot öffentlicher Zugänge auch ins Internet einer „digitalen Spaltung“ der Gesellschaft in Informierte und Nichtinformierte entgegen. Als wirklicher Ort für wirkliche Menschen hängt der Erfolg ihrer Arbeit aber auch ab von ihrem Standort im Gefüge der Stadt, also einer möglichst zentralen Lage ohne Barrieren und Schwellenängste. … Sie trägt erheblich zur Steigerung der kommunalen Lebensqualität bei.“

Es hat eine lange Tradition, die Stadtbücherei Waltrop als Ort sozialer und kultureller Begegnung zu verankern und ins Bewusstsein zu rücken, im Grunde also ein „3. Ort“.